40 x Hoffnung (26/40 – Donnerstag der 4. Fastenwoche)
Liebe Hoffnung,
neulich hatte ich mich mal mit dem Glauben getroffen. Es war ein intensives Treffen. Wir haben uns ausgetauscht und dann – weil wir viele Fragen und durchaus auch Nöte hatten – die Liebe angerufen. Sie hatte, wie es so ihre Art ist, Zeit und konnte zu unserem Treffen dazu kommen. Leider haben wir Dich nicht erreichen können. Du bist derzeit irgendwie nicht zu greifen und wir haben schon länger nichts mehr voneinander gehört.
Der Glaube, der früher nur selten zu unseren Treffen kam, weil er überall sehr gefragt war, hat ja derzeit weniger zu tun. Darüber ist er sehr traurig, fast verzweifelt. Das kann ich gut verstehen. Ist schlimm, wenn man sehr gefragt war und dann auf einmal sagen die Menschen, dass sie mit dir nicht mehr so viel anfangen können. „Man hat sich auseinander gelebt“, sagen die Menschen, wenn sie ihre Beziehungen trennen. Außerdem meinen viele, Glaube sei dasselbe wie Kirche. Und die steht ja derzeit nicht gerade hoch im Kurs. Ich finde es eine grobe Verwechselung, Glaube mit der Institution Kirche einfach so gleichzusetzen. Naja. Also dem Glauben geht es derzeit gar nicht gut.
Die Liebe hat immer Zeit. Das habe ich inzwischen verstanden. Auch wenn sie müde ist und einfach nicht mehr weiter kann, schleppt sie sich zu unseren Treffen. Das gehört anscheinend zu ihrer Daseinsweise. Nein-Sagen lernt sie überhaupt nicht. Wie oft haben wir ihr schon gesagt, sie solle auf sich achten, sich nicht so überfordern. Aber hat man einmal nicht aufgepasst, ist sie schon wieder an der Arbeit, setzt sich ein, bringt ihr Licht zu den Menschen. Und sie macht unermüdlich weiter, ohne auf sich und ihre Kräfte zu achten. Wenn mir das doch auch mehr gelingen würde: Einfach für andere da sein, einfach schenken und die Angst zu lassen. Einfach nur Licht zu sein, das die Welt erhellt. Egal wie viel, egal, wie häufig, egal zu welchem Preis. Licht sein. Naja. Also die Liebe könnte Deine stärkende Kraft sicher mehr als brauchen.
Liebe Hoffnung, wir vermissen Dich und sind in großer Sorge. Es war zugegebenerweise nicht immer leicht für Dich. Wenn der Glaube so fest und wissend daherkam und die Liebe in ihrer Unbeirrbarkeit einfach machte, dann standest du oft da und hattest vielleicht den Eindruck, dass Deine Kraft nicht mehr gebraucht würde. Das war sicher verletzend und auch ungerecht. Und da kann ich es verstehen, dass Du einfach verschwunden bist und nur noch für Dich sein willst. Mit einer gewissen Scham muss ich aber einsehen, dass wir Dich wirklich brauchen, liebe Hoffnung. Und ich muss auch eingestehen, dass man Dinge immer erst dann vermisst, wenn man sie nicht mehr hat. Solange sie selbstverständlich da sind, denkt man nicht darüber nach. Wenn sie auf einmal fehlen, spürt man, was man hatte. Erst wenn einem die Luft wegbleibt, versteht man, was Atmen ist. Oh je!
Wir bekommen einfach keine Luft mehr, seit Du weg bist. Der Glaube sitzt da und bejammert sich und die Liebe macht und tut und brennt langsam aus. Du fehlst so sehr. Der Glaube braucht Dich und Deine lichte Art, ihn zu motivieren, weiter zu machen und sich nicht dauernd beirren zu lassen. Die Liebe braucht einen Sinn, warum sie sich so hingibt. Du, liebe Hoffnung, bist für beide ein unbeirrbarer Anker, in dem sie sich festmachen können. Und vielleicht – ich sage das nur ganz leise – vielleicht bist Du auch so allein einsam und tatenlos und unglücklich. Ihr Drei – Glaube, Hoffnung, Liebe – seid wirklich zusammen meine Freunde. Und Ihr bewegt die Welt und macht sie hell. Dazu braucht Ihr Euch gegenseitig und wir Menschen brauchen Euch zusammen erst recht.
Liebe Hoffnung, irgendwie spüre ich Dich gerade intensiv. Hast Du Dich, während ich das schreibe, in meine Nähe begeben? Oder hast Du etwa die ganze letzte Zeit schon hinter mir gestanden und auf mich gewartet, bis ich merke, dass Du niemals wirklich weg sein kannst?
Das bist Du! Ich dachte es ja eben noch: Man hat Dich immer so selbstverständlich – aber wenn Du fehlst…