40 x Hoffnung (25/40 – Mittwoch der 4. Fastenwoche)

Hoffnung
…und was das für mich mit Brombeergestrüpp zu tun hat… 

„Was gibt mir in meinem Leben und in meiner Arbeit Hoffnung?“
Auf diese Frage wollte ich eine Antwort finden, um diesen Impuls schreiben zu können. Die Sonne hatte mich in den Wald gelockt. Lotta, meine Havanerserhündin, freute sich. Sie liebte den Wald. Ich auch. Und ich hoffte, dass mir die Bäume die Antwort auf meine Frage zuflüsterten.  

Gedankenverloren ging ich den schmalen Waldpfad entlang. Lotta erkundete freudig das Gelände, sprang auf Baumstümpfe, schnupperte an Blättern, Moos und an den ersten Schneeglöckchen. Ich nahm mir vor, die Gedanken einfach kommen zu lassen. So wie ich es mit meinem Leinentrick mache. Wenn ich an einer Geschichte arbeite oder auch wenn mich etwas besonders bewegt, schreibe ich meine Fragen auf ein Blatt Papier und hänge sie an einer Leine auf. So bekomme ich Abstand. Die Fragen quälen mich nicht mehr, denn mit der Zeit habe ich gelernt, der Hoffnung zu vertrauen, dass die Antworten kommen. Und mit dieser Hoffnung folgte ich weiter dem verschlungenen Waldpfad. Lotta wusste gar nicht, wo sie zuerst schnuppern sollte. So viele Baumstümpfe! Moos, das in der Sonne leuchtete. Immer wieder Schneeglöckchen und Blätter am Boden, soweit das Auge reichte. Der Weg war kaum zu erkennen. Ich dachte darüber nach, dass es manchmal schwer ist, die Zeit auszuhalten, in der ich auf Antworten warte. Ich weiß, dass ich nicht warten sollte. Zuversicht heißt das Zauberwort. Den Dingen ihre Zeit geben. Die Ungewissheit aushalten. Vertrauen. Die Angst loslassen, dass diesmal keine Antworten kommen könnten. „Dem Gehenden legt sich der Weg unter die Füße“, so ähnlich hat es Martin Walser mal formuliert. Nahrung für die Hoffnung.  

Lotta wollte spielen. Ich warf Stöckchen. Sie sprang hinterher, holte es zurück, legte es mir vor die Füße. Im Augenblick, wo ich es greifen wollte, hielt sie es fest. An diesem „Wer-ist-schneller-Spiel?“ hatte sie besonderen Spaß. Wir spielten es eine Weile. Ich war mit meinen Gedanken immer noch bei der Kunst, Ungewissheit auszuhalten. Situationen fielen mir ein, wo Verzweiflung sich in mir breit machen wollte. Wo blieben die Antworten? Dieser Schwebezustand konnte so quälend sein. Ich versuchte es mit einem anderen Blick, suchte nach den Chancen, die in diesem offenen Raum verborgen sein könnten. Neue, unbekannte Möglichkeiten und Lösungen. Hoffnung auf Weiterentwicklung… Ja, das war doch schon brauchbares Material für meinen Impuls. Ich beschloss umzukehren.  

Aber alles sah plötzlich so ähnlich aus. Vor lauter Blättern konnte ich den Waldpfad nicht erkennen. Mit der Zeit wurde ich immer unsicherer, ob es wirklich der richtige Weg zurück war. Lotta hatte immer noch Spaß an den Baumstümpfen, an den Blättern und an den vielen Stöckchen. Mir verging der Spaß. Mein Gefühl sagte mir, ich könnte zu weit nach rechts abgekommen sein. Ich schlug die Richtung nach links ein. Da war aber alles voller Brombeergestrüpp. Egal. Ich war mir sicher, dass ich diese Richtung einschlagen müsste. Und nach einem Stückchen Gestrüpp würde schon wieder der richtige Weg kommen. Ich ging vor. Lotta weigerte sich mir zu folgen. Äste mit Brombeerstrauchdornen versperrten ihr den Weg. Sie hatte auch keinen Spaß mehr. Ich sah ein, dass Lottas kurze Beine und ihr wuscheliges Fell sich nicht mit dem Gestrüpp vertrugen. Sie schaute mich fragend an. „Und jetzt?“ Ich hob sie hoch, nahm sie auf den Arm. Für Lotta war wieder alles in Ordnung. Ich musste gegen ein inneres Zittern ankämpfen. Meine Gedanken drohten so wirr zu werden wie das Brombeergestrüpp. Da kam mir die rettende Idee. Mein Handy! Mitten im Gestrüpp setzte ich mich auf einen Baumstumpf, Lotta neben mir. Ich schaute bei Google nach, um meinen Standort zu finden. Da war er! Der blaue Punkt, der mir anzeigte, wo wir uns befanden. Leider war er weit entfernt von irgendwelchen offiziellen Wegen, sondern mitten in einer „Niemandslandfläche“. So wie es aussah gab es nur die eine Möglichkeit zurück zu den offiziellen Wegen: weiter durch das Brombeergestrüpp.  

Voller Zuversicht kämpfte ich mich mit Lotta auf dem Arm weiter voran. Auf dem Handy kontrollierte ich die Richtung. Dabei verhedderte ich mich mit einem Fuß im Gestrüpp, stürzte zu Boden. Lotta ließ ich im letzten Augenblick noch los. Sie sprang voraus und schaute mich verdutzt an. Alles gut, beruhigte ich sie und arbeitete mich langsam in die Senkrechte zurück, schaute mich um, nach einem leichteren Weg. Aber um mich herum nur Brombeergestrüpp. Ein Szenario der Angst wollte sich in mir ausbreiten. Das Flüsschen, das ich auf der Googlekarte gesehen hatte, lag das in einer Schlucht? Vor mir sah alles so bergig aus. Kamen wir da weiter? Was, wenn es vorher dunkel würde?  Ich wehrte mich gegen die Bedenken mit Hoffnung. „Wir schaffen das, Lotta! Wir kommen hier raus!“
Ich setzte mich auf einen querliegenden Baumstamm, wollte verschnaufen. Lotta sprang neben mich, wollte spielen, schnupperte an dem Moos auf dem Baumstamm, sprang mir auf den Schoß, stupste mich an, als wollte sie sagen. „Los, weiter!“ Meine Angst war verschwunden. Die Hoffnung, alles gut zu schaffen, hatte gesiegt. Ich fühlte mich erleichtert, überlegte kurz, was wäre, wenn es die Hoffnung nicht gäbe: nur unüberwindbares Brombeergestrüpp! Und eigentlich war ich hier ja an einem sicheren Ort. Was ist mit all den vielen Menschen, die um ihr Leben bangen müssen?
Lotta sprang vom Baumstamm, tänzelte vor mir hin und her, forderte mich auf, endlich weiterzugehen. Ich nahm sie wieder auf den Arm, bereit für das nächste Brombeergestrüpp.  

Endlich kamen wir an eine Stelle, an der sich das Gestrüpp lichtete. Ich setzte Lotta ab. Sie schnupperte Waldluft, lief los… einen Hang hinunter zu einem kleinen Flüsschen. Meine Einschätzung flüsterte mir ein, dass wir in genau die entgegengesetzte Richtung gehen sollten. Ich pfiff Lotta zurück. Sie blieb stur stehen, setzte sich hin. Vorsichtshalber kontrollierte ich die Richtung im Handy. Zum Glück. Ich wäre in die falsche Richtung gelaufen. Ich folgte Lotta über das Flüsschen den Berg hoch. Oben angekommen sah ich einen Feldweg. An einem Baum ein Herz aus Moos. Ich war mir sicher. Dies war der richtige Weg: breit, leicht zu gehen, kein Brombeergestrüpp mehr. Nach der nächsten Biegung entdeckte ich mein Auto. 
Geschafft! Lotta sprang auf einen Baumstumpf. Voller Hoffnung. In diesem Fall bezog es sich bei ihr auf die Belohnung. Die hatte sie sich verdient. Ich gab ihr ein Leckerli. Freudig sprang Lotta vom Baumstumpf, lief auf das Auto zu…
Erleichtert atmete ich auf. Hoffnung. Was für ein guter Wegweiser! 

Hoffnung hilft, sich mit der Ungewissheit zu versöhnen, sie zu einer Freundin zu machen, die ein Geschenk voller Möglichkeiten in ihrem Rucksack hat.
Hoffnung hilft, Unsicherheit auszuhalten, verscheucht die Angst.
Da kann man sich ruhig mal verirren. Mit der Hoffnung als Wegbegleiter können wir darauf vertrauen, dass sich der Weg unter unsere Füße legt. 

Angelika Bartram, Autorin, Schauspielerin und Regisseurin