Predigt in der Christmette (24.12.2025)
von P. Maurus Runge OSB
Mit dem Begriff „Wunder“ tun wir uns heute schwer. Wir sind ja schließlich aufgeklärte Menschen, die für alles eine Erklärung finden können – wenn man nur lang genug sucht. Und wenn unter einem Wunder vor allem ein Ereignis verstanden wird, das unsere Naturgesetze durchbricht, wird es tatsächlich schwierig. Es gibt die sog. medizinischen Wunder, bei denen ein todkranker Patient Heilung erfährt und selbst der versierte Arzt nicht erklären kann, was hier geschehen ist. In der Alltagssprache sagen wir eher resignativ: „Da kann jetzt nur noch ein Wunder helfen“ – und meinen unausgesprochen: „Da können wir jetzt nichts mehr machen.“
Seit vier Jahren wird von einem Radiosender bei uns im Westen ein großes Ereignis veranstaltet, das sich „Weihnachtswunder“ nennt: vier Moderatorinnen und Moderatoren senden in einer Stadt in NRW, in diesem Jahr in Essen, fünf Tage und Nächte ununterbrochen aus einem gläsernen Studio und erfüllen Musikwünsche, die gegen eine Spende für soziale Projekte hier vor Ort und weltweit eingereicht werden können: von den zehn Euro, die Kinder von ihrem Taschengeld spenden bis zur vier-, ja fünfstelligen Spende ist alles dabei. Das alles wird angereichert durch ein buntes Konzertprogramm und bekannte Gäste.
Worin für mich das eigentliche Wunder dieser vorweihnachtlichen Tage besteht, sind die vielen Geschichten, die Menschen von ihren Spendenaktionen und Beweggründen, anderen Gutes zu tun, erzählen. Da ist das zehnjährige Mädchen, das von einem Gehirntumor geheilt anderen Menschen Hoffnung macht, indem es Armbänder knüpft und verkauft, der Lehrer, der mehrere Nächte schlaflos ausharrt und dafür Spenden für den guten Zweck von seiner Schulgemeinschaft sammelt, die Frau, die in diesem Jahr ihren Mann verloren hat und in seinem Sinne nun Geld für bedürftige Menschen spendet. Geschichten, die viele der Menschen, die das „Weihnachtswunder“ vor Ort oder im Livestream mitverfolgt haben, zu Tränen rühren. Geschichten, die zeigen, dass es doch viel mehr Menschlichkeit und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gibt, als es oft den Anschein hat.
Und dabei sind wir schon sehr nah bei der Botschaft von Weihnachten, beim Weihnachtswunder, das sich zum ersten Mal im Stall von Bethlehem ereignet hat. Denn auch bei diesem Wunder der Weihnacht geht es nicht um die Durchbrechung von Naturgesetzen, sondern um die Geburt eines Kindes, das Menschen, zunächst die Hirten auf den Feldern vor Bethlehem, in Bewegung setzt und aufbrechen lässt, indem sie dem Stern ihrer Hoffnung und Sehnsucht folgen. Die Botschaft dieses Kindes, auch heute noch, lautet: „Du bist geliebt, Mensch, weil Gott selbst Mensch geworden ist. Du bist geliebt, egal wie viel oder wenig du vermeintlich leistest, egal wie krank oder gesund, arm oder reich du bist, egal wie viele Macken du hast oder was du getan oder unterlassen hast, weil Gott selbst in der Kälte und Unbehaustheit eines zugigen Stalls Unterschlupf gefunden hat, weil Gott selbst diese schwache Menschennatur angenommen hat.“
Die Botschaft von Weihnachten, die sich im Weihnachtswunder von Bethlehem vor über 2000 Jahren und im Weihnachtswunder von Essen 2025 so eindrücklich zeigt, ermutigt mich, das Positive zu sehen, das Gott mir schenken möchte – durchaus auch in allem Leid und allem Schweren – und es zeigt mir, mit welch einfachen Mitteln ich auch für andere zum Weihnachtswunder werden kann: der Mensch, der mich an der Supermarktkasse vorlässt – der Mensch, dem ich ein Lächeln schenke, eine Umarmung oder ein gutes Wort.
All diese Gesten und Worte der Menschlichkeit sind das Licht, das in der Dunkelheit erstrahlt, so wie die Videoinstallation „Lumina“ in dieser Kirche gerade die dunklen Wände erhellt und uns Lichter der Hoffnung schenkt. Sie sind das Licht, das von der Krippe her, die Sie in diesem Jahr in der Beichtkapelle betrachten können, unsere Welt nicht blenden, sondern langsam, aber unaufhörlich erhellen will.
Oft ist es so, dass wir bei all den schlechten Nachrichten, die Tag für Tag über sämtliche Medien auf uns niederprasseln, auch in unserem kleinen Alltag eher das Negative sehen, das, was nicht funktioniert, die Kritik, die wir, sei sie berechtigt oder unberechtigt, gerne äußern. Und die vielen positiven Dinge, die hoffnungsvollen Anfänge, die Neuaufbrüche übersehen wir leicht. Es braucht manchmal ein Weihnachtswunder, um auch das zahlreiche Positive, das es in unserem Leben und in unserer Welt gibt, wahrzunehmen
„Ihr seid das Weihnachtswunder“ – mit diesen Worten endete das Weihnachtswunder des WDR. Genau das ist die Ermutigung, die uns vom neugeborenen Kind in der Krippe zugesagt wird: Du selbst bist das Weihnachtswunder. Du selbst kannst zum Wunder für andere Menschen werden. Es gibt so viele Möglichkeiten, anderen Menschen ein Licht zu sein. Und es gibt zum Glück so viele Orte, an denen diese Möglichkeiten Wirklichkeit werden. Es gibt so viel Liebe und Menschlichkeit, viel mehr, als uns andere oft einreden wollen. Wir können selbst damit anfangen. Werden wir zum Weihnachtswunder – in Essen, Meschede und an so vielen anderen Orten auf der Welt. AMEN.




