Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis (11.09.2022)
von P. Matthias Skeb OSB
Liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte Ihre Aufmerksamkeit heute Morgen auf die Lesung aus dem Buch Exodus (Ex 32,7-14) lenken.
Das ist eine ungewöhnliche und unglaubliche Geschichte, die Geschichte vom „Goldenen Kalb“ und von der Auseinandersetzung zwischen Mose und Jahwe. Vielleicht fühlen wir uns durch sie befremdet und peinlich berührt, denn hier tritt uns nicht die vertraute, schon fast zum Klischee erstarrte Gestalt eines liebenden, sondern eines aufbrausenden Gottes entgegen, der sein Volk vernichten will.
Nicht weniger ungewöhnlich ist die Rolle, die Mose in dieser Geschichte spielt. Sein leidenschaftlicher Einspruch klingt nicht wie die Bitte eines Geschöpfes, das ergeben Gottes Ratschluss akzeptiert, sondern eher wie das Plädoyer eines Rechtsanwalts, der den wütenden Richter zu beruhigen sucht und mahnt, nicht die Selbstkontrolle zu verlieren. Mehr noch, Mose erdreistet sich, mit göttlichen Worten Gott gegen Gott auszuspielen, wenn er ihn an die früher gewährte Hilfe und an das Versprechen erinnert, das er schon den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob gegeben hatte. Mose erinnert Gott nachdrücklich und entschieden an seine eigenen Zusagen. Soll das alles hinfällig sein?
Kurz vor dem Beginn der Lesung lesen wir im Buch Exodus, dass Mose einige Zeit bei Gott auf dem Berge weilte, um das Bundesangebot Gottes zu erhalten und die Weisungen, die das Leben vor Gott regeln sollen (32,1). Dort erfährt Mose vom Herrn selbst, was am Fuße des Berges während seiner Abwesenheit geschehen ist. Ihn selbst ist das wohl entgangen. Das Volk hatte sich „ein goldenes Kalb“ gegossen, das als Gottesbild dienen sollte; es hatte sich vor diesem niedergeworfen und ihm Schlachtopfer dargebracht und diesem Machwerk von Menschenhand sogar die Rettung aus Ägypten zugeschrieben. Das Volk hat sein Gottesbild, von dem es sich Rettung und ein gelungenes Leben erwartet, selbst fabriziert und zwar just in dem Moment als Mose auf dem Berg von Gott selbst erfährt, wie er sich das Leben mit seinem Volke vorstellt. – Ein Gott nach „Hausmacherart“. Menschen legen sich ihr Gottesbild selbst zurecht, anstatt sich sagen zu lassen, wer er ist: Glaube an Gott als Projektion irgendeines diffusen Bauchgefühls und Bedürfnisses von irgendwem von irgendwoher
Und gerade mit diesem dummen Kalb, werden die Israeliten bei ihren Zeitgenossen gut angekommen sein. Der Applaus und die Zustimmung der umgebenden Gesellschaften waren bestimmt gesichert, denn Stierbilder und Stierkulte waren in den Hochkulturen des Alten Orients weit verbreitet. Dass der biblische Autor nicht von einem Stier spricht, sondern von einem Kalb, zeigt nur seinen ätzenden Spott gegenüber dem orientalischen Stierkult. Der Stier verkörperte je nach Kontext Zeugungskraft, Fruchtbarkeit, Vitalität, Kampfkraft, Überlegenheit, Macht und Stärke – alles gesellschaftsfähige Qualitäten. Man durfte sich akzeptiert fühlen von den Zeitgenossen. Der Glaube an Jahwe, einen persönlichen Gott, der selbst sein Volk führt und sagt, wie es Volk sein soll, ist zu banaler Religiosität verkommen, ganz auf der Linie der Erwartungen der Zeitgenossen. Für den Verfasser des Exodus-Buches steht fest: Dieses Verhalten bedeutet Abfall, der ins Verderben führt. Was hier geschehen ist, kann nicht bloß als Ergebnis einer „schwachen Stunde“ entschuldigt oder als Folge von Ahnungslosigkeit oder Dummheit gedeutet werden. Sich ein Gottesbild oder die Botschaft des Glaubens selbst so zurechtzulegen, dass sie möglichst gleichgeschaltet ist mit gesellschaftlichen Idealen und opportunistisch an sie angepasst ist, das ist der Kern von Götzendienst. Das ist eine Urversuchung für den Glauben, auch unter uns Christen, auch in der Kirche! Heute mehr denn je! – Anlass genug, uns zu fragen, wie unsere „Golden Kälber“ aussehen, um die wir aufgeregt unsere Tänze aufführen und offensichtlich auch aufführen sollen. Ich muss hier nicht ins Detail gehen. Christus hat uns aufgefordert, Salz der Erde zu sein, nicht der fromme Zuckerguss auf dem Einheits-Keks gesellschaftlicher Mehrheitsmeinungen, der nur fett macht und dumm.
Noch einmal zurück zur Lesung. Mit ihrem schändlichen Treuebruch fordern die Israeliten selbst Gottes Urteil heraus.
Die Rede vom „lieben Gott“ und vom „guten Vater“, wie sie im Evangelium anklingt und wie sie uns allzu leicht über die Lippen geht, kann dazu führen, die Tatsache der Sünde zu verharmlosen, die sich „Götzendienst“ nennt und gewissenmaßen die Ursünde ist, dass nämlich der Mensch sein will wie Gott und die die Kontrolle darüber haben will, wie Gott ist. Gott nimmt diese Sünde ernst wie seine Auseinandersetzung mit Mose zeigt. Nein, dieses Streitgespräch beinhaltet nicht ein vermenschlichtes Gottesbild, in dem Gott mit einem Menschen feilscht, wie ein orientalischer Händler auf einem Basar. Es ist letztlich nur eine literarische Einkleidung. Gerade die literarische Form des dramatischen Streit-Dialogs will deutlich machen, wie schwer die Sünde des Götzendienstes wiegt, die darin besteht, sich sein Gottesbild, sein Kirchenbild und seine Beziehung zu Gott nach dem Kriterium gesellschaftlicher Opportunität zurechtzulegen und an den Obsessionen gesellschaftlicher Meinungsmacher auszurichten. Wider Erwarten verzehrt Gott sein Volk nicht, er gibt ihm die Möglichkeit, zu ihm zurückzukehren, immer wieder, in unfassbarer Geduld. Gott ist eben viel größer und barmherziger als das, was wir Menschen uns über ihn ausdenken können. – Um welche blökenden Kälber wir auch tanzen. Wir Christen und wir Katholiken im Besonderen sollten das gesunde Selbstbewusstsein haben, den goldenen Kälbern unserer Zeit entgegenzutreten und nicht um sie herumzutanzen. Wer sonst soll das heute noch tun? Haben wir also den Mut zu einer intelligenten Form des „unmodisch“-Seins: nicht „altmodisch“, nicht „neumodisch“, sondern „un-modisch“, weil gesellschaftliche Moden und Obsessionen für das Bild, das wir von Gott und seiner Kirche haben, letztlich kein Maßstab sind. Die Heilige Schrift weiß das noch und die junge Kirche der ersten Jahrhunderte wusste das ebenfalls. Haben wir das vergessen?