Predigt am Benediktsfest (21.03.2026)

von Bischof Dominicus Meier OSB

Lieber Abt Cosmas, liebe Mitbrüder,

liebe Mitglieder des Freundeskreises Königsmünster,

liebe Geschwister im Glauben,

wir leben in anstrengenden Zeiten, daran besteht kein Zweifel. Gewohnheiten, Strukturen und Lebens­zusammenhänge, die uns vertraut waren und Si­cherheit geben konnten, kommen an ihre Grenzen oder haben bereits das Ende ihrer prägenden Wirk­samkeit erreicht. Und das betrifft nicht nur einen kleinen Teil unseres Lebens, fast alle Bereiche sind von großen Umbrüchen betroffen.

Der 24. Februar 2022 mit dem Überfall Russlands auf die souveräne Ukraine markiert geopolitisch in vielerlei Hinsicht eine Wende. Aber auch unser ge­sellschaftlicher Zusammenhalt, der insbesondere auf der Solidarität untereinander beruht, bröckelt; das Vertrauen in die Krisenfestigkeit und Gestaltungsfä­higkeit der parlamentarischen Demokratie steht in der Krise; die Wirtschaft schwächelt und steht in ei­ner grundlegenden Transformation; Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit nehmen überall zu und sind fast schon hoffähig geworden.

An die Stelle des Fortschrittsversprechens vergange­ner Jahrzehnte sind in Kirche und Gesellschaft Ver­lustängste, Ermüdung und Überforderung getreten. Die Angst zu verlieren, was wir hatten, und vor einer Zukunft zu stehen, die un­gewiss und eher bedrohlich aussieht, berührt viele Menschen zutiefst. Und Ge­fühle von Ohnmacht hin­terlassen Menschen nicht selten in ratloser Vereinze­lung.

Ja, wir leben in einer Zeit, die sich anfühlt wie ein großes Umbrechen. Veränderungen geschehen in ei­ner Ge­schwindigkeit, die uns oft atemlos zurück­lässt.

Für viele Menschen waren die Kirchen und ihre klös­ter­lichen Gemeinschaften Haltepunkte; aber auch hier ist der Wandel spürbar und unübersehbar. Viele spüren Ver­unsicherung, vielleicht sogar Angst.

Wenn ich die Ordensgeschichte bei P. Johannes und die Regelauslegung von Abt Harduin im Noviziat richtig verstanden habe, stoßen wir bei einem Blick in die Geschichte auf eine ähnliche Zeit: das 5. und 6. Jahrhundert nach Christus. Das Römische Reich zerfiel, Ordnung war Mangelware, Unsicherheit herrschte überall.

Genau in diese Finsternis hinein trat ein Mann, den wir als Benedikt von Nursia kennen. Er sah das Chaos, ver­ließ das „zerfallende Rom“ und suchte die Stille und einen lebendigen Gegenentwurf mit Freun­den zu gestalten.

Doch Benedikt war kein Weltflüchtiger, der die Hände in den Schoß legte. Er gründete Klöster – Orte der Ordnung, des Gebets und der Arbeit.

Was können wir, im Jahr 2026, so möchte ich fragen, von diesem Heiligen in unserer Zeit der Veränderung als Mönche und als Christen lernen?

  1. Die Kraft der Stabilität (Stabilitas loci)

Benedikts erste Antwort auf eine veränderte Welt war nicht hektische Aktivität, sondern Beständigkeit. Die Stabilitas loci – das Gelübde der Bindung an ei­nen Ort – klingt in unserer mobilen, flexiblen Welt, in der wir ständig dem Neuen nachjagen, altmodisch. Wie mobil und flexibel sind selbst wir Mönche geworden.

Aber die Stabilitas loci ist ein heilsames Gegenmittel zur Rastlosigkeit. In einer Zeit, in der alles im Fluss ist, brauchen wir innere Wurzeln. Nicht im Sinne von Stagnation, son­dern als Halt. „Beständigkeit ist die Heilung für die ängstliche Seele“. Benedikt sagt uns: Suche nicht das Glück im ständigen Wechsel, sondern finde den Ort, an den Gott dich gestellt hat, und gestalte ihn.

Benedikt lehrt uns, nicht bei je­dem Sturm panisch davonzulaufen, sondern dort Wurzeln zu schlagen, wo Gott uns hingestellt hat, und aus der Verwur­ze­lung heraus Zukünftiges zu gestalten. Mit den Men­schen im Kontext der Klöster Leben zu gestal­ten, ge­hört zu den positiven geschichtlichen Erfah­rungen über Jahrhunderte. Mönche prägten ihre Umgebung und ließen sich von ihr prägen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kirche der Zukunft weniger die uns jetzt bekannte pfarrliche Struktur haben wird, sondern die Menschen suchen Orte des Gebetes, Erfahrungsorte von religiösem Tun und Orte von Gemeinschaft. War nicht die Grün­dung des Freundeskreises von einem solchen Geist eines gelebten und verbindenden Impulses geprägt?

  1. „Ora et Labora“ – ordnender Rhythmus an­statt Burnout

Wir neigen heute dazu, uns in die Arbeit zu verlieren oder in Sorgen zu verstricken. Benedikt hat Arbeit und Gebet nicht getrennt. Die Arbeit ist heilig, das Gebet ist notwendig. In unserer Kultur, die Leistung oft über alles stellt, erinnert uns Benedikt an die gesunde Balance. Es geht um einen Rhyth­mus, der den ganzen Menschen würdigt: Kör­per, Geist und Seele. Es geht darum, dem Leben einen Rhythmus zu geben. In einer Welt des Wandels ist diese Struktur kein Gefängnis, sondern ein Schutzraum, der uns davor bewahrt, uns selbst zu verlieren.

Veränderungen kosten Kraft. Wer sich nur auf Arbeit oder nur auf Sorgen konzentriert, brennt aus. Bene­dikt bietet uns in seiner „Schule für den Dienst des Herrn“, einen täglichen Rhythmus an, der uns Halt gibt: Beten, Arbeiten, Lesen, Ruhen.

Dieser Rhythmus macht widerstandsfähig gegen all die schnelllebigen Sorgen und Nöte, gegen die sich schnell verbreitenden Fake News und die sich selbst laut ausrufenden Heilsbringer in Politik und Kirche.

  1. „Immer wieder neu anfangen“ (Semper in­cipia­mus)

Benedikt war Realist. Er wusste, dass Menschen schwach sind und dass wir scheitern werden. Ein schöner Gedanke aus der benediktinischen Tradition lautet: „Immer wieder neu anfangen“.

Wenn Projekte scheitern, wenn unsere Kirche sich wandeln muss, wenn Gewohnheiten, Strukturen und Lebens­zusammenhänge, die uns vertraut waren und Si­cherheit geben konnten, zerrinnen, wenn wir per­sönlich an Grenzen sto­ßen: Der heilige Benedikt er­mutigt uns, nicht in der Resignation zu verharren.

Seine Regel ist ein Weg, „un­sere Lebensweise zu än­dern, indem wir unser Herz ändern“. Es ist die Ein­ladung zur ständigen Umkehr und Erneuerung.

Benedikt von Nursia hat in einer Zeit des Untergangs das Fundament für eine neue Kultur gelegt – eine Kultur der Gastfreundschaft, des gegenseitigen Re­s­pekts und des Dienstes am Nächsten. Seine Regel betont das Miteinander – wir würden sagen synodal sein -, das gegenseitige Ertragen von Schwächen mit Geduld. In einer Gesellschaft, die oft von Polarisierung geprägt ist, ist das benediktinische Prinzip der gegenseitigen Achtung ein revolutionärer Gegenentwurf.

Lassen wir uns von Benedikt und seiner Lebenskunst, die er in der Regel zusammengefasst hat, inspirieren, in unseren stür­mischen Zeiten nicht ängstlich zu erstarren, sondern mutig und gestalterisch tätig zu sein. Bauen wir an kirchlichen Orten und klösterlichen Gemeinschaften, die Halt geben, leben wir aus einem Rhythmus, der uns trägt, und hören wir auf das, was wesentlich ist.

„Dass in allem Gott verherrlicht werde“ – das war Benedikts Ziel.

Möge es auch das unsere sein, in die­sen sich verän­dernden Zeiten.