9. Dezember – Hoffnungsort Kloster

Kloster – ein „Hoffnungsort“

von P. Vincent Grunwald OSB (veröffentlicht im Gruß 4-2025)

„hoffen“ – wenn ich über die Abtei als Hoffnungsort nachdenke, kommt mir sofort dieser Titel eines kleinen Büchleins in den Sinn, das mein Mitbruder, P. Reinald, geschrieben hat. Bei einem langen, vertrauten und tiefschürfenden Gespräch sprachen wir einmal darüber, warum wir in unsere Gemeinschaft eingetreten sind und die persönliche Widmung, die er mir an diesem Abend in das Büchlein schrieb: „mit der Hoffnung auf eine gute, gemeinsame Zukunft in unserer Abtei“, bedeutet mir viel. Das Schriftbild des Buchtitels lässt zwei verschiedene Worte aufscheinen – je nach Perspektive: „hoffen“ und „offen“. Das gefällt mir, weil die Zukunft, auch wenn sie aus einer gemeinsamen Hoffnung heraus erwartet wird, freiheitstheoretisch immer „offen“ ist. Damit wird zugleich deutlich, dass das Kloster als Hoffnungsort immer in einer Grundspannung steht: „fest gemacht“ an dem Ort an sich, im klösterlichen Alltag mit seiner Struktur aus Arbeit und Gebet, sowie als Teil einer lebendigen Gemeinschaft, erlebe ich „stabilitas“. Das bedeutet für mich persönlich vor allem die Treue zur Gemeinschaft. Für diese Gemeinschaft trage ich, wie jeder Bruder im Konvent und nicht nur der Abt, auch Verantwortung. Wir haben uns einander nicht ausgesucht und im Alltag gilt es daher auch Spannungen, Konflikte und Ärgernisse, die wie Dornen verletzen können, auszuhalten. „Beständigkeit“ bedeutet für mich auch die Treue zum Ort. Diesen Ort gestalten wir miteinander, auch mit und für all die Menschen, die zu uns in die Abtei kommen und die sich bei uns „fest machen“. Als Benediktiner können wir unsere Berufung leben im Wissen darum, dass wir „Gesegnete“ sind. Und können das daher auch nach außen hin ausstrahlen und das anderen Menschen ebenso zusagen, im Wortsinn von „benedicere“, „etwas Gutes sagen“.

Die Zukunft unserer Gemeinschaft ist aber wie die Zukunft überhaupt natürlich „offen“. Und diese Offenheit hält uns als Gemeinschaft lebendig. Wir sind als Christen von einer Hoffnung getragen, die über das Sichtbare und Be-greifbare dieser Welt hinausgeht. Die sogar hinausgeht über den Horizont dieses irdischen Lebens. Damit wir das nie vergessen, kommen wir immer wieder zusammen und beten miteinander das Stundengebet. Wie in den Psalmen, die Tag für Tag gesungen und meditiert werden und in denen das ganze Leben mit all seinen schönen und schwierigen Seiten im Gebet vor Gott gebracht wird, so teilen auch wir das Leben miteinander und bringen es in all seinen Facetten immer wieder vor Gott. Und wenn wir in der Eucharistiefeier Brot und Wein miteinander teilen, wird für mich darin die Hoffnung erfahrbar, dass wir einmal beim himmlischen Hochzeitsmahl vereint sein werden. Mit all denen, die uns schon vorausgegangen sind. Unsere Abtei als Hoffnungsort wird für mich persönlich auch in der Architektur unserer Abteikirche und dem Friedhof hinter dem Chorraum deutlich. Zusammen mit unseren bereits verstorbenen Brüdern bilden wir einen Kreis um den Altar und um das Kreuz herum. Während wir unser Chorgebet singen, manchmal auch geradezu trotzig in das Dunkel und die Hoffnungslosigkeit unserer Tage hinein, weiß ich meine Brüder im Glauben schon „jenseits der Schwelle ewiger Nacht“, wie es in einem Hymnus heißt. Wenn ich in diesen dunklen Tagen vom Fenster meiner Zelle aus den Friedhof mit all den leuchtenden Kerzen sehen kann, erinnert mich das, gerade jetzt im Advent, auch immer an das Gleichnis von den klugen Jungfrauen, die mit ihren leuchtenden Lampen bereit waren für die Ankunft des Bräutigams (Mt 25,1-13).

Das Kloster ist ein Hoffnungsort, weil die Gemeinschaft eine Erzählgemeinschaft der Hoffnung ist. „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Wie froh und dankbar bin ich immer wieder dafür, dass ich Zeugnis ablegen darf für meinen Glauben, dass ich aber auch Menschen um mich herum habe, die mich und meine Fragen verstehen, weil sie von der gleichen Hoffnung erfüllt sind.

Freiheitstheoretisch ist die Zukunft auch unserer Gemeinschaft immer „offen“. Viele Ordenschristen, deren Gemeinschaften kleiner und älter werden, wissen sich auch in dieser Situation von der gemeinsamen Hoffnung getragen und können daher auch sagen: Unser Auftrag ist nun erfüllt und wir gehen der Vollendung entgegen. Im Blick auf unsere Gemeinschaft, die 2028 ihr hundertjähriges Bestehen feiern darf, glaube ich das noch nicht. Unser Auftrag ist noch nicht erfüllt. Und so sehe ich zwar mit mancher Sorge und mit Fragen, aber auch mit sehr viel Gottvertrauen in die Zukunft. Mut macht mir dabei ein kleiner handgeschriebener Zettel, den unser 2023 verstorbener Br. Andreas mir noch vor meinem Eintritt geschrieben hat: „Es ist nötig, dass du mit anpackst, damit es weiter geht.“ Unterschrieben hat er mit: „Ich hoffe auf dich, dein Br. Andreas“. In dieser Hoffnungsgemeinschaft habe ich mich fest gemacht und freue mich auf eine gute gemeinsame Zukunft in der Abtei Königsmünster.

Br. Andreas Hentschel OSB (1930-2023)