Das Evangelium zum heutigen Sonntag berichtet davon, dass selbst Jesus als Sohn Gottes in der Einsamkeit der Wüste in Versuchung geführt wurde. Versuchungen sind in der Fastenzeit ja immer so eine Sache. Für viele sind diese Wochen vor Ostern eine gute und überschaubare Zeit, um eine innere Kurskorrektur zu machen – ungute und eingefahrene Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen, mal etwas Neues auszuprobieren und ganz bewusst auf manches zu verzichten. Soweit so gut…

Aber wer kennt das nicht: Oft genug sind wir dann recht schnell „versucht“, in die alten Muster zurückzufallen und unzufrieden, weil wir es (vielleicht sogar schon im zweiten Anlauf nach den guten Neujahrsvorsätzen) mal wieder nicht so geschafft haben, wie wir es uns vorgenommen hatten.

Im Matthäusevangelium ist der „Diabolos“ derjenige, der immer alles durcheinanderwirft, der Urheber der Versuchung. In den theologischen Diskussionen wurde zuletzt über den Urheber oder den Grund der Versuchung gestritten. Um Missverständnissen vorzubeugen heißt die Formulierung einer entsprechenden Vaterunser-Bitte in den französischen Messtexten beispielsweise nun seit einiger Zeit: „Und führe uns in der Versuchung.“ Damit soll ernstgenommen werden, was über Gott und das Thema Versuchung im Jakobusbrief zu lesen ist: „Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung.“ (Jak 1,13). Zwar glaube ich, dass auch unsere im deutschen gebrauchte Formulierung „Und führe uns nicht in Versuchung“ nicht bedeuten soll, dass Gott seine Freude daran hätte, uns auf die Probe zu stellen, indem er uns absichtlich in die moralische Zwickmühle bringt. Ich sehe es allerdings ganz einfach als eine alltägliche Erfahrung an, dass wir uns immer wieder mit unterschiedlichen Versuchungen auseinandersetzen müssen und uns immer wieder entscheiden müssen. Dass bei diesem Unterfangen niemand vor Fehlern und Misserfolgen gefeit ist, versteht sich von selbst…

Die im Evangelium genannten Versuchungen Jesu müssen auf unser Leben hin bezogen nicht als etwas verstanden werden, das von außen auf uns zukommt. Denn auch das ist eine alltägliche Erfahrung: Weder sind wir Menschen allmächtig, sodass wir uns unsere Lebensgrundlage und unser Brot herbeizaubern könnten –  noch sind wir unverwundbar und unsterblich…

Sondern es sind eher unsere kleinen Eitelkeiten, unsere blinden Flecken und manchmal auch unsere Selbstüberschätzung, die in unserem Innern sind und die uns als Versuchungen das Leben ganz schön schwer machen können. Weil wir uns damit nur selbst im Weg stehen.

Es kann gut tun, in den kommenden Wochen einen ehrlichen Blick auf sich selbst einzuüben. Aber dabei auch liebevoll und verständnisvoll mit sich selbst zu sein. Und wenn Sie dann doch an einem guten Vorsatz gescheitert sein sollten, gilt: Lächeln, und morgen ist auch noch ein Tag… 🙂

Br. Vincent Grunwald OSB